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Wer unberührte Natur sucht und sich an Traumstränden nicht stört, der wird sicher fündig im Demokratie-Musterländle Costa Rica - die touristische Infrastruktur jedenfalls ist vorhanden.

Es ist kaum zu glauben, aber noch immer gibt es Menschen, die den mittelamerikanischen Staat Costa Rica mit der Karibikinsel Puerto Rico verwechseln. Doch immer mehr Naturfreunde wissen Bescheid: das kleine Land zwischen Pazifik und Karibik ist ein wahres tropisches Paradies mit einer üppigen und vielfältigen Natur, wie man sie sonst auf so kleinem Raum kaum irgendwo findet. Immer mehr privat geführte Reservate und Naturparks ergänzen das ohnehin große Angebot der Nationalparkverwaltung, so daß jeder Naturliebhaber auf seine Kosten kommt - sei es an den weiten Sandstränden, im dichten tropischen Regenwald oder im geheimnisvollen Nebelwald.

Die touristische Infrastruktur ist ganz auf den Geschmack von Individualtouristen eingerichtet: überall entlang der weit verzweigten Küste finden sich komfortable Hotels und Gästehäuser, im Urwald verstecken sich gemütliche Lodges und das Angebot an Restaurants sucht in ganz Mittelamerika seinesgleichen. Und auch das Freizeitangebot beschränkt sich nicht nur auf Baden und Wandern im Regenwald. Eine Wildwassertour im Schlauchboot beispielsweise oder ein Strandspaziergang hoch zu Roß. Auch die Freunde des Wassersports haben die Qual der Wahl: Wellenreiten an der Pazifikküste, Schnorcheln und Tauchen in der Karibik, Windsurfen auf dem Arenalsee... Ein ganz besonderes Erlebnis ist auch eine Fahrt mit dem Heißluftballon, oder wie wäre es mit einer Bootstour in den Kanälen von Tortuguero, oder vielleicht eine Fahrt mit der einzigen Urwald-Seilbahn der Welt ? - Nein, langweilig wird es hier bestimmt niemandem, zu vielfältig sind die Möglichkeiten, hier seinen Urlaub zu verbringen.
Für fast alle Costa Rica-Reisenden beginnt der Besuch im tropischen Paradies jedoch mit einer Ernüchterung - am internationalen Flughafen bei San José. Er liegt im Zentrum des Valle Central, des zentralen Hochtals, wo auf engstem Raum gut die Hälfte aller Costaricaner leben. Hier spielt sich praktisch das ganze politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben der gerade einmal 3,5 Mio. Einwohner zählenden Republik ab. Der Vorteil dieser Region ist das milde Klima und die guten Böden, auf denen ausgezeichneter Kaffee wächst - früher das wichtigste Exportprodukt des Landes.

Die nur wenige Fahrtminuten entfernte Hauptstadt San José ist auf den ersten Blick wenig attraktiv und leidet wie praktisch alle größeren Städte der Welt unter dem chaotischen Verkehr, der sich durch die schnurgeraden Straßen quält. Doch die in einer angenehmen Höhe von rund 1200 m ü.M. gelegene Stadt lockt mit drei überaus sehenswerten Museen, in denen das Erbe der frühen Kulturen aufbewahrt wird: erstaunlich die Aussagekraft der Steinmetzarbeiten, wie sie im Nationalmuseum zu sehen sind, unvergeßlich die Pracht der Goldarbeiten im Museo de Oro, und auch die Ausstellungsstücke im Jade-Museum lassen uns über die handwerklichen Fähigkeiten dieser Menschen staunen.

Doch eigentlich sind wir ja wegen der tropischen Natur hergekommen, und so machen wir uns schon am nächsten Tag auf in Richtung Karibikküste. Die Fahrt dorthin führt uns durch den eindrucksvollen Nationalpark Braulio Carrillo, der im Jahre 1978 von weitsichtigen Naturschützern gegründet wurde. Tief eingeschnittene Flußtäler winden sich an den Abhängen erloschener Vulkane zu Tal in einer üppig grünen Landschaft, die nicht selten von einem dichten Nebelschleier verhüllt wird. Am anderen Ende des Parks liegt, etwas abseits der Straße, eine der Hauptattraktionen des Landes: Die Rainforest Aerial Tram, eine etwa 1,3 km lange Seilbahn, die in verschiedenen Höhen durch den Regenwald führt. Nein, zur Tierbeobachtung ist dieser nicht gerade billige Ausflug nicht unbedingt geeignet, aber wo sonst kann man fast lautlos schwebend in die Baumkronenregion des Regenwaldes vordringen?

Während die Menschen im Hochland eher europäisch-geschäftig wirken, folgt das Leben an der Karibikküste einem gemächlicheren Rhythmus. Überall begegnet man auf den staubigen Straßen des Dorfes Cahuita dunkelhäutigen Männern mit Rasta-Locken, die sich in einer nur schwer verständlichen Abart des Englischen artikulieren. Ein kurzer Blick in den Reisepaß bestätigt: wir sind nicht in Jamaica, sondern noch immer in Costa Rica. Doch so ganz falsch ist die Vermutung nicht, denn die Menschen sind Nachfahren von Jamaicanern, die Ende des vorigen Jahrhunderts zum Bau der Eisenbahnlinie hierherkamen und später auf den ausgedehnten Bananenplantagen ihr Auskommen fanden.????

Der Besucher findet hier in Cahuita genau das, wonach er gesucht hat: lange Sandstrände, ein Korallenriff zum Tauchen (auch wenn das Erdbeben von 1991 schwere Schäden verursacht hat) und einen Nationalpark, der zu einer Wanderung einlädt. Nicht zu überhören sind die lautstarken Brüllaffen, die hier ebenso leben wie die quirligen Klammeraffen und die ungewöhnlich gemusterten Kapuzineräffchen. Wer genau hinsieht, entdeckt in einer Astgabelung vielleicht sogar ein Faultier, das sich, getreu seinem Namen, nur im Zeitlupentempo fortbewegt - und dabei für Feinde fast unsichtbar bleibt.

Es wird viel Unwesen getrieben mit dem Begriff "Ökologie" in Costa Rica, aber was sich zwei deutschstämmige Geschwister hierzu einfallen ließen, hat Vorbildcharakter: auf der Hacienda ihres Vaters gründeten Sie ein Privatreservat und errichteten eine Lodge mit 7 Holzhäusern, die sich unauffällig in die Landschaft einschmiegen. Obwohl es hier, an den Nordostabhängen der Cordillera de Talamanca, keinen Strom gibt, läßt diese Unterkunft nichts an Komfort vermissen. Im geschmackvoll gekachelten Bad führt die Dusche dank Solarenergie immer heißes Wasser, und beim Candle-Light-Dinner auf der Veranda des Restaurants wird mit Sicherheit niemand das grelle Licht einer Neonröhre oder die Unterhaltung aus einem Radio vermissen. In der Umgebung der Selva Bananito Lodge kann man wandern, reiten, Mountain-bike fahren oder sich in die Kunst des "Tree-climbing" einweisen lassen - eine von Wissenschaftlern ausgetüftelte Technik, sich mit Seilen in die luftigen Höhen eines Baumriesens emporzuziehen.?

Die vom Aussterben bedrohten Riesen-Meeresschildkröten haben dem Nationalpark Tortuguero seinen Namen gegeben, der sich an der nördlichen Karibikküste erstreckt. Auch wenn die Zeiten, in denen das Fleisch der "Suppenschildkröten" dem menschlichen Verzehr diente, hoffentlich endgültig vorbei sind, werden auf den Märkten der Hauptstadt noch immer die Eier dieser Tiere zum Verkauf angeboten. Die Beobachtung der riesigen Meeresbewohner, die alljährlich zu Tausenden hierher zur Eiablage pilgern, hat sich längst zu einem Touristenspektakel gemausert - doch lassen wir die Tiere besser in Ruhe und wenden uns landeinwärts, denn auch dort gibt es eine Menge zu sehen. Auf einer Bootsfahrt durch die Kanäle von Tortuguero beispielsweise, wo man Reiher, Schlangenhalsvögel, Kormorane und zahlreiche andere Wasservögel zu Gesicht bekommt. Gelegentlich läßt sich auch ein Kaiman blicken, der am Ufer auf Beute wartet, und in den Bäumen räkeln sich grüne Leguane. Auch der Tukan, mit seinem überdimensionalen bunten Schnabel das Symboltier des Landes schlechthin, gibt sich hier ein Stelldichein. Von den vielen Insekten, Fröschen und anderem Getier ganz zu schweigen, daß sich abends vor unserer Lodge zum Konzert versammelt.??

Nur wenige Fahrtstunden entfernt befindet sich der fauchende Vulkan Arenal, der zu den aktivsten Vertretern seiner Spezies gehört und in regelmäßigen Abständen Dampf (und Lava) abläßt. Doch als wir dorthin kommen, ist von all’ dem nichts zu sehen: seine Majestät hat sich in eine dichte Wolkenhülle zurückgezogen und gibt sich heute bedeckt. Doch unsere anfängliche Enttäuschung ist wie weggeblasen, als wir am nächsten Morgen aus dem Fenster unserer Lodge bei Fortuna blicken: gewaltig erhebt sich vor unseren Augen ein perfekt geformter Stratovulkan, aus dessen Krater eine Rauchsäule in den Himmel steigt. Zugegeben, etwas mulmig ist uns schon zumute, als wir uns dann zu einer Wanderung an den Hängen des Feuerberges aufmachen, aber unser Reiseleiter versichert uns immer wieder, daß wir uns auf der "sicheren" Seite befinden. Sehr viel versöhnlicher stellt sich der Vulkan dann in der Abendämmerung dar, wie wir ihn vom warmen Wasser der Thermalquellen aus betrachten. Und obwohl erst die Hälfte der Reise hinter uns liegt, sind wir uns jetzt schon einig, daß dies nicht unser letzter Besuch war im Land der Tukane und Brüllaffen.